Gedanken zum Oktober 2026
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!" Gal 5, 1
von Pfarrerin Mirjam Keim, Evangelische Friedensgemeinde Baden-Baden
Ein Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf, nachdem ich diesen Vers gelesen habe. Marianne, die französische Ikone, die in bleu-blanc-rouge mit der Fahne voran die französische Revolution anführt. Ein starkes Symbol der Freiheit.
Die französische Revolution war ein wichtiger Meilenstein der Freiheit, der Bürgerrechte, der Demokratie, auch wenn im Nachzug viel Gewalt und Unrecht geschehen ist. Mit Kraft und Energie geht Marianne als Symbolfigur voran, die Freiheit der Menschenrechte zu verteidigen.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Wie schon bei Marianne, ist die Freiheit ambivalent. Für mich hat sie zwei Pole, die miteinander in Balance zu bringen sind. Auf der einen Seite entsteht mit der Freiheit ein großer Möglichkeitsraum, der gefüllt und vielfältig bespielt werden kann. Es gibt keine Schranken, die zu beachten wären. Alles ist möglich. Die Welt steht offen.
Auf der anderen Seite sehe ich die Aufgabe, diesen Möglichkeitsraum zu füllen. Was passiert, wenn ich keine Ahnung habe, was ich mit der Freiheit anfangen soll? Wie geht es weiter nach dem Schulabschluss? Wenn alles möglich ist, was wähle ich dann und wie komme ich zu einer Entscheidung? Das kann eine enorme Herausforderung sein. Denn wenn ich mich für etwas entscheide, entscheide ich mich zugleich gegen vielfältige andere Optionen.
Freiheit birgt außerdem eine große Verantwortung in sich. Freiheit grenzt immer auch an die Freiheit Anderer an. Damit ist sie automatisch beschränkt durch den Mitmenschen. Und das ist wichtig, diese Einschränkung wahrzunehmen und mitzudenken.
Was heißt das also, wenn Christus uns zur Freiheit befreit?
Wieso müssen wir zur Freiheit befreit werden? Vielleicht ist es genau das, dass wir lernen, mit der Freiheit umzugehen. Sich frei machen von dem Gedanken, dass alles möglich ist. Sich bewusst werden, dass mit Freiheit auch eine Verantwortung einhergeht.
Was wäre diese Freiheit in Christus? Für mich hieße Freiheit in Christus, dass ich mich darauf besinne, in welcher Haltung ich meine Freiheit lebe. Eine Freiheit, die gebunden ist im Gebot der Nächstenliebe: „liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ (Gal 5,14). Damit habe ich immer auch im Blick, was meine Freiheit für die Person bedeutet, die mir zur nächsten wird.
Für Marianne und die französiche Revolution ist die Geschichte der Freiheit an ihre Grenzen gekommen, glücklicherweise wurde der Freiheitsgedanken in die Verfassung aufgenommen, um ihn zu schützen. Auch wenn wir heute mehr denn je aufmerksam darauf achten müssen, dass wir die Freiheit jeder einzelnen Person nicht aus den Augen verlieren.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Zur Freiheit, sich für den „Glauben, der durch die Liebe tätig“ (Gal 5,6) ist, zu entscheiden.

