Gedanken zum September 2026
„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind." Koh 4,6 (L)
von Pfarrer Jochen Lenz, Evangelische Kirchengemeinde Gernsbach
Die freie Hand
Was macht eigentlich die leer ausgehende Hand, wenn sich ihr Gegenüber mit einer Handvoll Ruhe begnügt? Sind es doch zwei Hände, aber nur eine Handvoll Ruhe.
Bietet sich die übriggebliebene Hand nun – unausgefüllt, doch achtsam – an, um die ruhige Handvoll nach einer gewissen Zeit und gewissermaßen Hand in Hand auch einmal zu übernehmen und zu halten? Oder nutzt sie das Momentum ihrer eigenen Handlungslosigkeit und ruht sich einfach aus, legt sich selbst in den Schoß?
Vielleicht ist sie aber auch unruhig in der Jackentasche verschwunden, zur Faust geballt, und zerfetzt dort gerade wütend ein vergessenes Bonbonpapier; an ihren Fingern klebt der süße Neid auf eine Handvoll Hoffnung.
Haben die beiden ansonsten immer alle Hände voll zu tun, oft genug unter vergeblichem Mühen und Haschen, lehrt uns der Prediger in diesem Monat und im Gegensatz zu aller handgemachten Betriebsamkeit und Eile die Bedeutung jener Genügsamkeit, die in einer Handvoll Ruhe liegt. Und diese Einsicht weckt in mir nun die Frage nach dem Sinn der zweiten, der übriggebliebenen Hand.
Zwei Hände an einem Körper sind nicht gleich. Die eine kann etwas mehr, ist kreativer, spontaner; die andere ist auf den ersten Blick eher der Zupacker und Handlanger, bringt aber genau damit Ruhe und Stabilität in viele Handlungen und Haltungen. In meiner biblischen Vorstellung ist sie die Hand mit der Handvoll Ruhe. Und die linke ist nun so ruhig, dass sie nicht mehr weiß, was die rechte tut. Oder umgekehrt. Auf jeden Fall lässt sie jetzt der anderen in aller Seelenruhe freie Hand.
Ein befreundeter Jazzpianist fällt mir ein: Wenn er spielt, legt seine linke Hand die Ruhe, die Harmonie, eine gute Struktur und Rhythmus in die Tasten; seine rechte entlässt er dagegen frei auf „die Spielwiese“, wie er seine Improvisationen nennt. Mal wecken die ruhigen, gleichmäßigen Bassläufe und Rhythmen der einen Hand dann erst den Tanz in der anderen. Mal verändern die kreativen Sprünge und höchsten Töne der freien Hand begeisternd die Struktur und Planung des ganzen Stückes, nehmen die bis dahin ruhigen Finger an der Hand, verführen sie zu mutigen Sprüngen. Und diese Unterschiedlichkeit der Hände ergänzt sich zu großartigen Klang- und Lebensbildern.
Zu meinem Leben und Glauben, zum Leben und Glauben der Kirche gehören zwei unterschiedliche Hände. Die eine freut sich an der Handvoll Ruhe in Gott, an Planbarkeit, an Vertrautem; die andere hat freie Hand auf der Spielwiese des Lebens und Glaubens. Sie kann erzählen von Gottes Geist, der uns da draußen umgibt und belebt wie der Wind. Beide Hände möchte ich nicht missen. Sind sie doch geborgen in der einen, die uns alle hält.

